
Die positive Absicht hinter dem ungeliebten Verhalten
Wir sind erstaunlich gut darin, Eigenschaften an uns zu finden, die wir gerne anders hätten.
Ich prokrastiniere ständig.
Ich will immer alles kontrollieren.
Ich kann schlecht Nein sagen.
Ich bin zu sensibel.
Ich denke zu viel.
Und wenn wir dann noch eine passende Erklärung dafür haben, scheint die Sache erst einmal klar.
Ich habe eben ADHS, oder
ich bin einfach perfektionistisch, oder sehr sensibel.
Das ist eines meiner typischen Muster.
All das kann stimmen. Und es kann unglaublich hilfreich sein, sich selbst besser zu verstehen.
Aber was machen wir dann mit dieser Erkenntnis?
Denn zu wissen, warum ich etwas tue oder wie ich es nennen kann, verändert noch nicht automatisch meinen Umgang damit.
Mich interessiert deshalb eine andere Frage viel mehr:
Wozu dient mir dieses Verhalten gerade?
Verhalten hat eine Funktion
Auch die Psychologie schaut längst nicht nur darauf, woher ein Verhalten kommt. In der funktionalen Verhaltensanalyse wird untersucht, welche Funktion ein Verhalten im jeweiligen Moment erfüllt und wodurch es aufrechterhalten wird.
Prokrastination ist dafür ein schönes Beispiel.
Eine unangenehme Aufgabe liegt vor mir. Ich schiebe sie auf. Für den Moment sinkt der Druck.
Das Aufschieben hat also tatsächlich etwas für mich getan: Es hat mich kurzfristig entlastet.
Langfristig produziert es möglicherweise noch mehr Stress. Aber wenn ich nur denke „Meine Güte, warum kriege ich das schon wieder nicht hin?“, übersehe ich den entscheidenden Punkt:
Mein Verhalten erfüllt gerade einen Zweck.
Und genau da wird es für mich spannend.
Was willst du eigentlich für mich?
Im NLP gibt es die Grundannahme der positiven Absicht: Hinter einem Verhalten steht eine Absicht, die für die Person selbst in irgendeiner Form etwas Positives erreichen möchte.
Das bedeutet nicht, dass jedes Verhalten hilfreich ist.
Es bedeutet auch nicht, dass wir alles an uns plötzlich großartig finden müssen.
Es bedeutet zunächst nur, genauer hinzuschauen.
Vielleicht möchte Kontrolle Sicherheit schaffen.
Vielleicht möchte People Pleasing Verbindung erhalten.
Vielleicht möchte Perfektionismus vor Kritik schützen.
Und vielleicht steckt in einer Eigenschaft sogar längst eine Fähigkeit, die wir übersehen, weil wir so sehr damit beschäftigt sind, uns über sie zu ärgern.
Ich kenne das von mir selbst.
Ich bin ein sehr aufmerksamer Mensch. Ich nehme Stimmungen, Blicke, kleine Veränderungen und Zwischentöne schnell wahr.
Ich könnte mich darüber ärgern, dass ich manchmal so viel mitbekomme.
Ich kann aber auch fragen:
Was kann ich dadurch?
Ich habe eine feine Wahrnehmung. Ich beobachte genau. Ich spüre Veränderungen schnell und kann mich gut auf andere Menschen einstellen.
Und plötzlich schaue ich nicht mehr nur auf etwas, das mich stört.
Ich sehe eine Ressource.
Die Absicht darf bleiben
Genau das mag ich an der NLP Arbeit mit inneren Anteilen.
Es gibt verschiedene NLP Formate, die danach fragen, welche positive Absicht hinter einem Verhalten steckt und wie diese erhalten werden kann, während sich das Verhalten selbst verändern darf.
Besonders spannend finde ich die Core Transformation, die Connirae Andreas aus ihrer NLP Arbeit heraus entwickelt hat. Andreas gehörte zur frühen NLP Szene und wurde unter anderem durch die Arbeit von Richard Bandler und John Grinder geprägt.
Bei Core Transformation wird die positive Absicht eines inneren Anteils Schritt für Schritt weiterverfolgt.
Was möchtest du durch Kontrolle erreichen?
Vielleicht Sicherheit.
Und wenn Sicherheit da wäre, was würde das ermöglichen?
Vielleicht Ruhe.
Und wenn diese Ruhe vollkommen da wäre?
Vielleicht inneren Frieden.
Connirae Andreas bezeichnet solche tieferen Zustände als Core States.
Core Transformation ist ein NLP Modell und damit keine wissenschaftlich belegte psychologische Theorie. Den Gedanken dahinter finde ich dennoch großartig:
Vielleicht muss ich einen ungeliebten Anteil gar nicht loswerden. Vielleicht darf ich herausfinden, was er für mich will und wie ich genau das auf eine andere Weise erreichen kann.
Die Absicht darf bleiben.
Die Strategie darf sich verändern.
Probier es einmal selbst
Nimm eine Eigenschaft oder ein Verhalten, über das du dich bei dir regelmäßig ärgerst.
Und bleib dieses Mal nicht bei der Erklärung stehen.
Frag dich:
Wozu dient mir dieses Verhalten gerade?
Was möchte dieser Anteil Positives für mich erreichen?
Was kann ich dadurch besonders gut?
Welche Fähigkeit steckt vielleicht darin?
Wo ist genau diese Eigenschaft heute eine Ressource für mich?
Und schließlich:
Wie kann ich das, was darin wertvoll ist, bewusst für mich nutzen und gleichzeitig eine Strategie finden, die heute besser zu mir passt?
Vielleicht wird aus „Ich bin viel zu sensibel“ eine feine Wahrnehmung.
Aus einem starken Kontrollbedürfnis werden Planung, Struktur und ein gutes Gespür für Risiken.
Aus dem Wunsch, es allen recht zu machen, werden Empathie und Aufmerksamkeit für andere Menschen.
Es geht dabei gar nicht darum, sich alles schönzureden.
Wobei …
Wir sind verdammt gut darin, uns selbst schlechtzureden. Vielleicht dürfen wir die andere Richtung auch mal ausprobieren. 🤷♀️
Mich interessiert inzwischen jedenfalls weniger, was ich an mir alles reparieren könnte.
Viel spannender finde ich:
Was ist längst da und wie kann ich es für mich nutzen?
Bleib neugierig. 🪷




Die Liste könnte 1:1 meine sein.
Und ja, maches davon benutze ich als meine Superkraft 😂. Mal guck n ob ich irgendwie weiter komme damit...